Gefühle, die man sieht
© September 2003Thompson

Things You Can Tell Just by Looking at Her

Originaltitel: Things You Can Tell Just by Looking at Her

A man only sees what a woman wants him to know.

Director: Rodrigo García
Glenn Close, Cameron Diaz, Calista Flockhart, Kathy Baker, Holly Hunter

Runtime: 109 min
Rating: G | PG | PG-13 | R
USA 2000



Episodenfilme sind selten. Alle paar Jahre nur schafft es ein solcher Film ins Kino und die meisten davon werden sträflich missachtet. So ergangen ist es zum Beispiel Leben und Lieben in LA vor ein inzwischen fast fünf Jahren. Nur Short Cuts oder Singles haben es geschafft, ein etwas größeres Publikum zu erreichen. Aber auch das ist schon lange her.

Dass es sich bei Episodenfilmen in der Regel um anspruchsvolleres Kino handelt, mag ein Grund dafür sein, warum sich das Publikum vor scheut Episodenfilme scheut. Es genügt nicht, sich in den Kinosessel fallen und berieseln zu lassen. Mitdenken ist erforderlich, auch wenn sich die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Charakteren und Episoden in der Regel am Ende aufklären. Es ist wie ein Buch voller Kurzgeschichten, die sich am Ende zu einer großen Geschichte verdichten. Nicht jedermanns Geschmack, aber wer sich die Mühe macht, dem wird es gefallen.

So passiert das auch im hier vorliegenden Film. Die ganze Geschichte wird dem Zuseher nicht aufs Auge gedrückt, sondern es bleibt jeden selbst überlassen, Zusammenhänge zu erfassen. Am Ende sind dann zwar alle Leute irgendwie im gleichen Netz (sozialer wie auch geographischer Art) gefangen, aber die genauen Beziehungen untereinander bleiben dem oberflächlichen Zuseher verwehrt.

Die hier vorliegenden fünf Episoden haben alle die Einsamkeit als zentralen Punkt. Dr. Keener (Glenn Close) pflegt ihre alte Mutter und wartet immer noch vergeblich auf die Liebe ihres Lebens. Dazu lässt sie sich sogar von Christine (Calista Flockhart) die Tarotkarten legen. Dabei hat auch Christine Probleme, da ihre beste Freundin Lilly (Valeria Golino), mit der sie zusammenlebt, todkrank ist. Rebecca ihrerseits (Holly Hunter) ist es leid, ständig nur Karrierefrau zu sein, kann aber kein Ventil dafür finden und dann gibt es auch noch die blinde Carol (Cameron Diaz), deren Schwester sie so bemuttern muss (oder eigentlich will), dass sie selber gar keine Zeit hat, einen Mann zu finden…

Die Geschichten entwickeln sich langsam und für den unvorbereiteten Zuseher nicht immer ganz offensichtlich nachvollziehbar. Das hängt aber in der Regel damit zusammen, dass man in jeder Geschichte wieder mitten in eine schon vorhandene Handlung hineingeworfen wird und selber schauen muss, wie man zurechtkommt. Dieser Ansatz ist gar nicht so schlecht, birgt aber auch das Risiko in sich, dass sich der Zuseher zu sehr langweilt und damit von dem ganzen Film nichts hat. Aber dass dies ein anspruchsvollerer Film als zum Beispiel American Pie oder auch Der Fluch der Karibik ist, das habe ich eh schon erwähnt.

Die Leistung der Schauspieler ist wie erwartet gut. Alle spielen völlig überzeugend, vor allem aber Cameron Diaz muss noch extra gelobt werden, denn für mich als Kinobesucher war in keinem Moment klar, dass sie die blinde Carol nur spielt, nicht aber selber blind ist.

Wer einen anspruchsvollen Film also nicht scheut, dem sei der hier vorliegende wärmstens empfohlen.

Die einzige Frage, die sich mir ernsthaft stellt ist, warum der Film erst jetzt, 3 Jahre nach Drehschluß hier in Europa in die Kinos kommt. Ob er wohl mit der Post von America verschifft worden ist?