Crazy
© Juli 2000 Jake

Crazy

Originaltitel: Crazy



Director: Hans-Christian Schmid
Robert Stadlober, Tom Schilling, Oona-Devi Liebich, Julia Hummer

Runtime: 95 min
Rating: G | PG | PG-13 | R
Germany 2000

Hans-Christian Schmid - ein Name so deutsch wie Kruppstahl oder Kölsch. Aber der Regisseur des Überraschungserfolgs "23" hat jetzt ein seltsam undeutsches Werk vorgelegt - und das liegt nicht am Titel. Sein neuer Film "Crazy" ist leicht, stets sommerlich, melancholisch und tragisch, ohne tödlich zu sein (im ganzen Film gibt es keine Leiche!).

"Crazy" ist die filmische Adaption des Romandebüts von Benjamin Lebert, der damit im letzten Jahr einen Überraschungserfolg landen konnte, und erzählt von den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens. Von schulischen Problemen über Alkohol, Pornographie, Masturbation und Rock'n'Roll reicht das naheliegende Spektrum der Themen. Natürlich ist der Zuseher versucht, an das amerikanische Pendant "American Pie" zu denken, welches erst kürzlich über heimische Leinwände flackerte. Aber der oberflächliche Vergleich hält einer eingehenden Prüfung nicht stand. Bei aller für amerikanische Verhältnisse erstaunlichen Derbheit blieb "American Pie" doch immer nur Klamauk und die Darsteller im besten Fall Clowns - im schlechteren Fall Idealtypen des amerikanischen Jugendlichen, eines Typus, der möglicherweise tatsächlich existiert, und zwar eben deshalb, weil sich die Heranwachsenden nahezu perfekt den Rollenklischees von Hollywood angepasst und dabei jede Individualität aufgegeben haben. Die Protagonisten von "Crazy" dagegen sind keine perfekt ausbalancierten und kalibrierten Paradejugendlichen. Sie sind deplaziert, disloziert und undurchschaubar - auch wenn das, was ihnen widerfährt, selten überraschen kann: diese Dinge sind (fast) jedem passiert. Alle bewahren sich dabei das Mysterium der Individualität, obwohl ihnen der Film manchmal gespenstisch nahe kommt.

Regisseur Schmid setzt raffinierte Stilmittel wie Zeitraffer und Zeitlupe, Kreisfahrten, die modische "Wackelkamera" und viel aktuelle Popmusik ein, aber er tut nie zuviel des Guten. An wichtigen Punkten der Erzählung schafft er durch lapidares, kommentarloses "Draufhalten" ohne Filmmusik oder sonstigen Schnickschnack ein Ausmaß an Autentizität, das im aktuellen Film selten geworden ist. "Crazy" ist ein rares Juwel und einer der ganz großen kleinen Filme - für mich jetzt schon einer der größten des Jahres.